Die Leichtigkeit des Seins haben längst nicht mehr nur die südlichen Länder Europas abonniert, auch am Tegernsee kann man im Sommer dieses Feeling spüren. Mal grün, mal azurblau, mal türkis schimmernd, präsentiert sich im Sonnenlicht der See. Dazu leuchten die Gipfel, die Bergwiesen sind sattgrün und in den Biergärten geht es zünftig zu. Nachdem die Anreise am Morgen für mich über die A8 und A99 noch sehr entspannt abläuft, verdichtet sich der Ausflugsverkehr kurz vor Gmund am Tegernsee immer mehr und an den Ampelanlagen kommt es bereits zu längeren Wartezeiten. Die Münchner rücken an und wollen sich auch versuchen im „Savoir-vivre“, der Kunst des Genießens.
Der Tegernsee liegt nur rund 50 km südlich von unserer Landeshauptstadt, so bietet sich ein Ausflug für die Münchner geradezu an, heute noch dazu bei herrlichstem Sommerwetter. Er zählt zu den saubersten Seen Bayerns, da bereits in den 1960er Jahren eine durchgängige Ringkanalisation um den See geschaffen wurde. Der See selbst ist Teil des Stadtgebietes von Tegernsee. Die übrigen vier Gemeinden des Tegernseer Tals: Gmund am Tegernsee, Rottach-Egern, Kreuth und Bad Wiessee, haben nur Anteil am Seeufer. Im Gegensatz zu vielen anderen oberbayerischen Seen sind die Ufer des Tegernsees aber fast vollständig öffentlich zugänglich. Was eine fußläufige Umrundung relativ einfach macht.
Im Vorjahr hat Andreas den Tegernsee Marathon zum ersten Mal ausgeschrieben, zu fünft wurde die Premiere durchgeführt. Heuer gibt es eine 20-prozentige Steigerung, wir sind immerhin schon zu sechst am Start. Eigentlich unverständlich für mich bei so einer Location, aber vielleicht verbinden viele den Tegernsee eher mit einem entspannten Ausflug als mit einem schweißtreibenden Erlebnis. Obwohl ja der Tegernseelauf über die Halbmarathondistanz im Herbst jedes Jahr mit einigen tausend Teilnehmern jedes Mal außerordentlich gut frequentiert und ausgebucht ist. Dieser hat Andreas im Übrigen vor Jahren auch dazu motiviert, selbst einen Marathonkurs zu erkunden, nachdem die Durchführung eines geplanten Marathons verworfen wurden.
Damit wären wir auch schon bei der Streckenlänge. Direkt am See entlang, kommt man bei einer Umrundung auf etwa 20 km. Das reicht natürlich nicht für einen Marathon und Andreas wollte auch keine Zwei-Runden-Kurs anbieten. So hat er, praktisch als zweiten Streckenabschnitt, eine Wendepunktstrecke nach Wildbad-Kreuth und anschließender kleinen Schleife bis zur Almwirtschaft Siebenhütten dazu genommen.
Trotz prognostizierten Temperaturen im Tagesverlauf bis knapp unter 30 Grad starten wir erst um 10 Uhr. Aus dem Raum Augsburg und Nürnberg sind die Anreisen halt doch etwas länger als für die Münchner. Unser Treffpunkt ist am Ende des Weißachdamms in Rottach-Egern. Dort gibt es am Strandbad genügend Parkplätze, einen Kiosk und eine Toilettenanlage, somit ideal für uns als Sammelstelle. Alle sind frühzeitig vor Ort, so können wir gemütlich am Strandweg zum etwa 500 Meter entfernten Startplatz schlendern. Am Start sind heute neben mir noch Andreas & Judith, Roland, Udo und Russell, der zuletzt auch schon beim Isar-Süd Marathon dabei war. Bei angenehmem 20 Grad zählt Judith von 10 runter und gibt um 9.58 Uhr den Start frei.
Wir laufen gegen den Uhrzeigersinn um den Tegernsee. Am Ufer entlang ziehen wir durch Rottach-Egern. Der rund 40 Hektar große, durch die Halbinsel Point auf eine Breite von ca. 170 Metern abgeschnürte Seeteil im Südosten, nennt sich Egerner Bucht. Die Bucht wird im lokalen Sprachgebrauch auch Malerwinkel genannt, da früher sehr oft Maler am Ufer saßen und die Kirche St. Laurentius am Fuße des Wallbergs malten.
Udo läuft sein eigenes Tempo, mit etwas Abstand hinter uns. Russell, der normalerweise deutlich schneller ist als Roland, Judith, Andreas und ich bleibt auf den ersten Kilometern noch bei uns. Wir laufen an der Seestraße entlang, hier liegen zahlreiche Restaurants, Boutiquen, Hotels und das Strandbad neben unserem Weg. Der FC Bayern ist in Rottach-Egern auch gerne zu Gast, in zwei Wochen halten sie hier wieder ihre Vorbereitung für die neue Bundesligasaison ab und anschließend kommt die Borussia aus Mönchengladbach.
An der Seeostseite biegen wir auf die Schwaighofstraße ein. Auf der Verbindungsstraße nach Tegernsee und Gmund ist viel Verkehr, wir laufen jetzt meist am Rad- und Fußweg neben der Straße, die ufernah am See entlangführt. Aber auch einige Abstecher direkt ans Ufer sind dabei. Die Aussichten über den See bei strahlend blauem Himmel sind unglaublich schön.
Nach 4 km sind wir bereits in Tegernsee. Auf der Schlosspromenade passieren wir Schloss Tegernsee mit dem angrenzenden Biergarten des Bräustüberl Tegernsee, hier wollen wir nach dem Lauf verlorengegangene Energie zurückgewinnen. Das ehemalige Benediktinerkloster befindet sich im Besitz des Hauses Wittelsbach. Momentaner Schlossherr ist Herzog Max in Bayern und Herzogin Elizabeth in Bayern. Das Schloss selbst und die Gruft der Wittelsbacher sind nicht zu besichtigen. Die berühmteste Person, die in der Gruft liegt, ist Herzogin Ludovika in Bayern, Mutter von „Sissi“, der späteren Kaiserin von Österreich.
Nach 9 km erreichen wir in Gmund Seeglas den ersten Trinkwasserbrunnen. Andreas hat sich sehr viel Mühe gegeben und alle verfügbaren Wasserstationen an unserer Strecke im Streckenbriefing aufgeführt und genau beschrieben. Hundert Meter weiter überqueren wir auf einem Holzsteg am nördlichsten Ende des Tegernsees die Mangfall. Der Abfluss des Tegernsees mündet in Rosenheim in den Inn. Der Überblick über den kompletten See ist einfach grandios. Die Ortschaft Gmund am Tegernsee lassen wir rechts liegen, ohne sie zu tangieren.
Wenig später entfernen wir uns etwas vom Seeufer, es geht einen kurzen Anstieg hoch bis zur B318. Russell reicht es nach 11 km von unserem Sommertempo, er setzt sich nach vorne ab. Leicht wellig geht es auf dem Fuß- und Radweg neben der Bundesstraße weiter, dieser lädt förmlich zum Tempomachen ein. Aber wer will bei dem Wetter schon Tempo machen, unser verbleibendes Quartett kann sich dazu nicht durchringen.
Kurz vor dem nördlichen Ortsausgang von Bad Wiessee biegen wir ab in die Finnerbucht und wieder direkt runter ans Seeufer. Vom gepflegten Kiesweg bekommen wir wunderschöne Ausblicke auf den mit vielen Segelbooten frequentierten nördlichen Teil des Sees und die gegenüberliegenden Berge. Weniger schön ist die riesige Baustelle neben der Strandpromenade in Bad Wiessee. Mit dem „Seegut am Tegernsee“ entsteht hier ein ganz neuer Ortsteil. Er gliedert sich mit einem Hotel, einer Wohnbebauung und einen öffentlichen Bereich mit Wirtshaus und Kulturscheune in drei Bereiche. 25 Bauobjekte in nachhaltiger Holz- und Holzhybridbauweise sind vorgesehen. Da gibt’s noch viel zu tun. Geplante Fertigstellung ist 2028.
Die nächste Bucht nennt sich Ringsee, nahe dem Ortsteil Ringsee der Gemeinde Kreuth. Der Name Ringsee kommt von „gering“ und macht den Gegensatz zum „großen“ Tegernsee deutlich. Die Bucht liegt direkt im Mündungsbereich der Weißach. Nach einem kleinen Waldgebiet überqueren wir die Weißach, die normalerweise wichtigster Zulauf des Tegernsees ist. Heute schaut’s aber ganz schön mager aus, was noch am See ankommt, höchstens ein paar Rinnsale erreichen noch die Ringseebucht. |