Der Englische Garten begleitet uns noch eine ganze Zeit lang, bevor es durch den Stadtteil Georgenschwaige in Richtung Olympiapark geht. Zuvor dürfen wir jedoch noch durch den Luitpoldpark, der auch genügend Grünflache und ein paar angelegte Seen bietet. Der Olympiapark begrüßt uns schon bald mit dem ersten richtigen Anstieg. Belohnt wird man oben jedoch mit einer grandiosen Aussicht über München. Wir machen das ein oder andere gemeinsame Selfie und werden von einem Pärchen angesprochen, die sich an einer Mauer dehnen. Ihnen sind schon ein paar Läufer aufgefallen, die mit Laufrucksäcken unterwegs sind. Wir erklären kurz den Ablauf und grob die Strecke des MUCUT. Sie sind sehr interessiert, jedoch schweift das Gespräch relativ schnell in Richtung Künstliche Hüften ab. Jürgen gibt Empfehlungen über Behandlungsmethoden und fähige Ärzte bzw. Klinken, bevor wir uns wieder verabschieden. Es geht im Park rauf und runter und schließlich finden wir uns vor dem Olympiaturm neben dem Olympiasee ein. Frisch gezapftes Augustiner vom Fass erspäht unser geschultes Auge. An einem Kiosk gibt es auch Sitzgelegenheiten. Ich ordere zwei Halbe und zahle einen unverschämten Preis, was mir jedoch in diesem Moment egal ist. Wir lassen uns nieder.
Gerade wollen wir uns zur Rückgabe begeben, als der Rest unserer Truppe den See aus der anderen Richtung passiert. Jürgen ruft Bernie kurz zu und dieser macht einen Schwenker zu uns rüber. Vor dem Start befürchtete er noch, dass sein Lauf wohl hier vorzeitig enden könnte. Es freut mich jedoch zu hören, dass er wider Erwarten fit ist und nichts dagegenspricht, dass er den MUCUT auch beenden kann. Wir stellen fest, dass wir bereits den ganzen Weg durch das Olympiadorf, der heuer erstmals auf dem Programm steht, zurückliegen. Es wird also Zeit. Anfangs dachte ich mir noch, was denn am Olympiadorf so interessant sein soll. Graue Blöcke, wenig grün. Also ich weiß ja nicht. Wir werden jedoch vom Gegenteil überzeugt. Es gibt auch kleine, eigentlich auch wenig schöne Reihenhäuser, hinter denen sich die gigantischen Blöcke auftun. Diese Häuser wären in der Tat nicht beachtenswert, wären da nicht die Graffitis und liebevoll dekorierte Fenster. Es gibt überall etwas zu sehen. Ob König der Löwen, Led Zeppelin und der gute, alte Monaco Franze. Wir verlieren wieder viel Zeit. Wir wollen keine Gasse auslassen. Um sich zu orientieren sind die Gassen mit Buchstaben und Zahlen versehen. Unter den Buchstaben findet man die Teilnehmer der Olympischen Spiele 1972 mit dem jeweiligen Anfangsbuchstaben. Coole Idee.
Als wir weiter durch das Olympiadorf zurück zum Olympiapark joggen, mache ich mir Gedanken über die damaligen Attentate oder vielmehr über die Wohnungen, in denen diese passierten. Wissen die heutigen Bewohner, ob sie in einer Wohnung leben, in der Menschen getötet wurden? Das wäre schon makaber. Noch bevor ich mich mit meinen Gedanken an Jürgen wenden kann, bekomme ich auch schon die Antwort. Neben einem Eingang befindet sich eine Gedenktafel auf der die Namen aller Getöteten, sowohl auf Deutsch als auch auf Israelisch aufgelistet sind. Für ein paar Meter sind die Attentate natürlich bei Jürgen und mir ein Thema. Als wir im Olympiapark zurück sind, wenden wir uns wieder erfreulicheren Themen zu. Ich kann Jürgen tatsächlich auch mal was zeigen, das ihm noch unbekannt ist. Am Ufer des Olympiasees haben sich Stars – meist Musiker – in Betontafeln, die im Boden eingelassen sind, verewigt. Metallica und Depeche Mode sind meine Favoriten. Es gibt aber auch Aussetzer wie Helene Fischer oder Boris Becker. Während Jürgen eine Tafel nach der anderen abschreitet, suche ich nach Ozzy Osbourne, dessen Handabdrücke ich noch vor ein paar Jahren fotografiert habe. Doch sie sind wohl der Witterung zum Opfer gefallen und so ist nicht nur der wahrhaftige Ozzy Geschichte.
Jürgen und ich reißen uns vom See los und nehmen als nächstes den Olympiaberg unter die Füße. Schnaufend wie zwei alte Opis kommen wir oben an. Selfies, Aussicht genießen und es geht auf selbigem Weg wieder nach unten. Wir schlängeln uns noch etwas durch den Park und sind verwundert, wie lange man hier doch laufen kann. Aber dann haben wir ihn hinter uns und das nächste Highlight wird Schloss Nymphenburg im Münchner Westen sein. Bis dahin begnügen wir uns mit Wohnvierteln und können etwas in uns reinhorchen. Ich bin schon lange nicht mehr so weit an einem Stück gelaufen und merke, dass die Beine schwer werden. Mir graust nun etwas vor dem Nymphenburger Kanal. Der ist ja im Prinzip ganz schön, aber halt auch ellenlang und schnurgerade. Ich weiß aus der Vergangenheit, dass er sich ziehen kann. Jürgen gibt sich als Motivator und hat auch Erfolg. Er fordert mich auf bis zum Schloss durchzulaufen. Dort gönnt er mir dann eine kleine Pause, während er sein Wasser auffüllt. Zusätzlich beginnen wir ein Spiel, das wir in abgewandelter Form schon einmal beim München Marathon gespielt haben. Damals bewerteten wir Halbmarathonläuferinnen anhand ihres Laufstils. Heute spielten wir etwas ähnliches, aber das tut jetzt eigentlich nichts zur Sache.
Am Nymphenburger Schloss angekommen, setze ich mich auf eine der Treppen am Rückgebäude und hoffe, dass Jürgen möglichst lange zum Flaschenauffüllen braucht. Viel zu schnell steht er wieder vor mir und wir traben wieder los. Den großflächigen Park lassen wir dabei größtenteils aus und rennen, wie Jürgen immer so schön sagt, gen Süden und verlassen den Nymphenburger Park schnell wieder. Nächstes Ziel und nächster Park ist der Hirschgarten. Hirschgarten klingt für mich so ähnlich wie Biergarten und in mir keimt Hoffnung auf. Jürgen hegt Zweifel, ist sich jedoch nicht ganz sicher. Am Ende sollte er recht haben. Der schmale Trail neben dem breiten Weg, der von Spaziergängern stark frequentiert ist, entschädigt zumindest halbwegs.
Danach laufen wir in Richtung Schwanthaler Höhe. Die Strecke ist wenig attraktiv, lädt eher nicht zum Verweilen ein und so kommen wir wenigstens gut voran. Kurz vor der Hackerbrücke überqueren wir kurz die Bahnstrecke und wir sehnen uns nach einer Verpflegungsstation. Jürgen erspäht einen Supermarkt, doch nachdem ich ihn auf das Klientel in dieser Ecke aufmerksam mache, verwirft auch er den Gedanken hier den Hopfenhaushalt zu regulieren. Über die Hackerbrücke traben wir nun in Richtung Theresienwiese. Die Blicke scannen die Gegend ohne Unterlass, doch nichts spricht uns an. An der Theresienhöhe angekommen werde ich auf ein Werbeplakat aufmerksam. Bei einer bekannten Fast-Food-Kette gibt es anlässlich des Frühlingsfestes auf der Wiesn ein Spezialangebot: Burger, Pommes und Hacker-Pschorr Wiesnbier. Oha! Ab geht`s in das Fast-Food-Restaurant. Es riecht einladend nach ranzigem Fett und abgestandener Luft. Egal. Jürgen ordert zwei Spezialangebote, jedoch ohne Burger und Pommes. Wir lassen die Bügel schnalzen und uns das kalte Bier schmecken. Es hat übrigens gepflegte 6,2 Prozent Alkohol.
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