25.6.2024 MOUNTAINMAN Nesselwang
Autor: Bernie Manhard Bericht und alle Bilder auf
 
ber24
 

Nachdem ich im Dezember 2022 nach meinem bis dato letzten Einsatz bei einem MOUNTAINMAN Event noch mit einer goldenen Medaille für meine zehnte Teilnahme ausgezeichnet wurde, musste ich verletzungsbedingt eineinhalb Jahre warten, bis es endlich wieder so weit ist. Die MOUNTAINMAN-Veranstaltungen sind für mich immer eine Herzensangelegenheit, hier fühle ich mich wohl, so freue mich sehr, endlich wieder einmal Chefin Jutta, Rennleiter Horst, Mädchen für alles Lena und viele andere vom Team zu treffen. Mein erster Weg führt aber immer zu meinen Spezies, den Moderatoren Rudi & Stephan. Sie sind ja auch meist die letzten die man am Start verabschiedet und die ersten, die man im Ziel zu Gesicht und auch zu hören bekommt. Meistens werde ich dann auch mit einem hochprozentigen Tröpfchen wieder begrüßt.

Zum vierten Mal bin ich heuer in Nesselwang am Start und es hat auch wieder kleine Veränderungen gegeben. So ist die Startzeit für den XL (42 km | ca. 2250 Hm) von 7 Uhr auf 8 Uhr nach hinten verschoben worden, was mir sehr entgegen kommt, da ich immer erst zum Raceday anreise. Damit verbunden ist auch die Zusammenlegung mit der L-Strecke (33 km | ca. 1950 Hm), was natürlich ein bedeutend größeres Starterfeld bedeutet, mit Behinderungen am ersten Anstieg ist zu rechnen. Nachdem Mitte Mai mit knapp 1300 Teilnehmenden bereits ein neuer Teilnehmerrekord für Nesselwang aufgestellt wurde, hat man das Kontingent nochmal hochgesetzt auf 1400.

Zielschluss für alle Strecken ist um 18.00 Uhr, das bedeutet für XL & L ein Zeitlimit von 10 Stunden. Bisher hatte ich da noch nie Probleme, aber in Anbetracht, dass dies mein erster Trail über Marathonlänge seit fast zwei Jahren ist, dazu noch mit satten Höhenmetern ausgestattet, muss ich heuer wohl diese Marke im Visier haben. Aber ganz so streng nimmt man das bei den MOUNTAINMAN-Events nicht, auf den letzten wird für gewöhnlich immer gewartet, auch wenn die Zeitvorgabe dann bereits überschritten ist.

Nicht großartig verändert haben sich die Wetteraussichten zu den meisten Jahren zuvor. Richtig warmes und sonniges Wetter gab’s in Nesselwang noch nie. Im Vorfeld meist reichlich Regenfälle, die den Kurs dann, an diversen Stellen zur Schlammschlacht mutieren ließen. Auch in dieser Woche und insbesondere gestern Abend, kamen wieder gewaltige Schauer vom Himmel, sodass wieder mit einigen Schlammbädern zu rechnen ist. Ich habe mich vorsichtshalber angepasst und meine Schlappen mit dem gröbsten Profil gewählt.

Wie bei den meisten Trails heutzutage Usus, gibt es auch hier eine vorgeschriebene Pflichtausrüstung, die wird beim Zugang zum Startkanal stichprobenartig kontrolliert. Rennleiter Horst kennt mich und weiß, dass ich alles dabeihabe und lotst mich an den Kontrolleuren vorbei. Großen Wert legt man auf die Rettungsdecke und auf das Mobiltelefon, was auch Sinn macht. Wer aussteigt während des Rennens, muss sich bei der Rennleitung abmelden. Eine Suchaktion in den Bergen kann sonst teuer werden für denjenigen.

Zu Status Quo und „Whatever You Want” wird der Start mit einer riesigen Kuhglocke eingeläutet. Ich freue mich, heute gemeinsam mit Reporterkollege Günter auf die Tour zu gehen. Schon lange haben wir uns nicht mehr getroffen, bis vor einigen Jahren war das noch des Öfteren der Fall. Wir haben uns ziemlich hinten eingeordnet, so eilig haben wir es nicht. Die über 400 Starter und Starterinnen sorgen für einiges an Zeit bis wir den Startbogen, eingehüllt im künstlichen Nebel, passieren können.

Der Anlauf bis zum ersten Anstieg beträgt gerade einmal 400 Meter, so schnell hat sich das Feld noch nicht entzerrt, so ist die erwartete Stockung keine große Überraschung. Überraschend für mich aber der Zustand des Wirtschaftsweges mit seinen tiefen Fahrrinnen. Normalerweise standen wir hier jedes Mal bereits knöcheltief in der Suhle, heute präsentiert sich der Weg relativ trocken, ist erfreulicherweise ganz passabel zu begehen und man muss sich nicht an der Seite, am etwas erhöhten Seitenstreifen hocharbeiten. Einen Kilometer und zweihundert Höhenmeter zieht sich der Weg hinauf. In etwa genauso weit geht es auf dem Kreuzweg Maria Trost nachfolgend auch wieder runter.

Nach gut 2 km erreichen wir mit dem Wasserfallweg bereits den optischen Höhepunkt und so etwas wie das Aushängeschild der Veranstaltung. Genau 599 Stufen weißt der Wasserfallweg auf. Bis vor einigen Jahren war er noch komplett mit Holz abgestützt. Nachdem er 2016 durch einen Felssturz arg in Mitleidenschaft gezogenen wurde, wurden viele Holzteile durch Stahl und Gitterroste ersetzt. Genau 237 Stufen bestehen jetzt aus Stahl. Der Einstieg führt uns gleich auf die längste Stahlgittertreppe neben dem höchsten Wasserfall des Schloßbächel. Er rauscht hier über zahlreiche Wasserfälle von der Alpspitz runter ins Tal.

Kontinuierlich steil zieht sich der Wasserfallweg über die vielen Stege, Holzstufen und Brücken nach oben. Um genügend Fotos schießen zu können, verzichte ich hier noch auf meine Stöcke. Der letzte Abschnitt führt uns aus dem hohen Baumbestand auf eine Lichtung. Ich bin beeindruckt. Noch nie hatten wir so eine wunderbare glasklare Aussicht über die Voralpenlandschaft.

Nach 4,5 km und 660 Höhenmetern liegen die ersten beiden Anstiege für die XL-Starter*innen hinter uns. Die Teilnehmer*innen auf der L-Strecke müssen noch ein kleines Stück weiter aufsteigen. Die Streckentrennung führt uns auf einen Schotterweg nach links weiter. Vor, bzw. über uns liegt nach 400 Metern der Transit Tower, er markiert die Mittelstation der Zipline AlpspitzKICK, wo man an einem Drahtseil hängend, in zwei Sektionen mit bis zu Tempo 120 km/h ins Tal fliegen kann.

Für uns geht es ebenfalls abwärts, in Serpentinen führt uns die Schotterstraße bis kurz vor die Wallfahrtskirche Maria Trost. Ein schöner wurzeliger und wieder oft mit vielen Holzstufen abgestützter Pfad führt uns im Wald wieder aufwärts bis zur Kappeler Alp, wo nach 8,5 km die erste Verpflegungsstation auf uns wartet.

Rudi und Jutta sind vom Startplatz umgezogen und erwarten hier die XL-er. Jutta weißt mich sofort auf die grandiose Aussicht heute hin. Erstmalig präsentiert sich uns der berühmte Neuschwanstein-Blick im glasklaren Tageslicht. Über dem Weissensee und den Dächern von Füssen thront das Schloss gut sichtbar, ohne es groß suchen zu müssen. Vor lauter Euphorie über die grandiose Aussicht, vergesse ich glatt etwas zu trinken, so muss ich nochmal zurück an den Getränkestand.

Nach dem kurzen Bergauf-Intermezzo geht es wieder abwärts bis ganz runter ins Tal. Kurz nach km 10 sind wir unten und ab hier sind die Racer gefragt. Eine Zeitmessmatte markiert den Beginn des Bergsprints “V500”, wo auf den folgenden knapp 5 Kilometern 500 Höhenmeter zu meistern sind und der schnellste in einer separaten Wertung prämiert wird. Die Anfangskilometer sind ausschließlich auf Asphalt, später mischen sich dann noch Schotterabschnitte dazu. Also, richtig was zum Gas geben. Für den, der’s draufhat natürlich, wir Nachzügler im hinteren Starterfeld zählen aber eher weniger dazu. Der Toni Seewald schafft als schnellster den Bergsprint in stolzen 30 Minuten, während ich dafür… lass mers lieber, nicht so wichtig.

Ich lasse es lieber etwas gemächlicher angehen, wir sind ja erst im Anfangsstadium unseres Rennens und will hier nicht bereits meine Körner verschwenden. Eine Kuh steht mitten auf der Piste, als eine Radlerin von oben ankommt, setzt sie sich urplötzlich fluchtartig in Bewegung und zwingt die Bikerin zu einer Notbremsung, um nicht auf die Hörner genommen zu werden.

Auf der Rückseite passieren wir wieder die Kappeler Alp, gleich wird es wieder lebhaft auf der Strecke. Die später gestarteten S-Starter*innen kommen uns von oben entgegen. Kurz vor dem Sportheim Böck endet der „V500“ wieder mit einer Zeitmessmatte. Gesamt 15 km und bereits 1400 absolvierte Höhenmeter stehen hier für die XL-er auf der Uhr.

Thermen-Marathon
Munich Urban Trail
GaPa Trail
MM Nesselwang


   
 

Zu einer kleinen Stärkung erwartet uns vor den „BöckLodges“ die zweite Labestelle. Mittlerweile sind alle Distanzen hier durch, so ist das Angebot für uns Nachzügler überschaubar. Aber es gibt noch Cola, warmen Tee und auch noch etwas zum Knabbern, so reicht das locker. Aufstiegsmäßig ist hier nur eine Zwischenstation, die nächsten 1,5 km führen uns noch weiter hoch bis zum Gipfel des Edelsberg. Die Streckenbeschilderung zeigt aber in eine andere Richtung, ich bin etwas irritiert und muss erst mal bei der Bergwacht nachfragen, obwohl ich die Strecke ja kenne. Ich liege schon richtig, da hat sich wohl die Streckentafel um 45 Grad verdreht. Für M, L & XL geht es ab hier wieder gemeinsam auffi.

Auf dem Edelsberg gibt es heuer eine kleine Streckenänderung, sie führt uns erstmals direkt am Gipfelkreuz vorbei. Dessen Natürlichkeit finde ich mal wirklich außergewöhnlich, eigentlich besteht es nur aus zwei, kaum behandelten Baumstämmen. Auf 1630 m Höhe postiert, stellt es auch den höchsten Punkt unseres Kurses dar.

Ein weiterer Höhepunkt für mich und bestimmt auch für viele leidenschaftliche Trailrunner*innen folgt auf den nächsten drei Kilometern. Ein traumhafter Single-Trail führt uns durch den Wald wieder runter vom Gipfel. Auf halber Strecke überschreiten wir dabei die Grenze nach Österreich in die Tiroler Enklave Jungholz. Am Ende unseres Downhill-Abschnittes steuern wir bereits direkt auf unseren nächsten Verpflegungspunkt auf die etwas höher gelegene Alpe Stubental zu. Satz mit X könnte man sagen. Wir laufen nämlich nicht direkt dorthin, sondern unsere Route führt erst noch 3 km um den Pfeifferberg herum und über seinen Gipfel, erst dann zur Alpe.

Das Gipfelkreuz des Pfeifferbergs liegt auf 1458 m direkt an der Grenze, aber noch in Tirol. Ein Zaun markiert die Grenzlinie. Ich bin schon eine ganze Weile mutterseelenalleine unterwegs, so muss ich mich mit einem Selfie mit Gipfelkreuz begnügen. Ein Schild an einem Baum bestätigt, dass wir uns noch immer in Jungholz befinden. Kurz vor der Alpe Stubental sorgt eine Wiese dafür, dass wir heute doch noch eine schöne Packung Schlamm abbekommen.

Nach 23 km erreiche ich Alpe Stubental, wo wir uns verpflegen können. Ich bevorzuge die leckeren Kuchen und besonders die wohlschmeckende vegane Brühe. Wenig später trifft auch schon Günter ein, den ich zwischenzeitlich etwas aus den Augen verloren habe.

Den weiteren Weg nehmen Günter und ich wieder gemeinsam auf. Nach 24 km kommt die Abzweigung die die XL&L von der M trennt. In 6:30 Std. sollte man den Punkt absolviert haben, sonst werden die Läufer*innen auf der XL-Strecke auf den M-Kurs geleitet. Zumindest theoretisch. Wir kommen auch kurz mit den Posten hier ins Gespräch, die davon aber noch nichts gehört haben und das dann auch kaum handhaben werden. Aus Erfahrung weiß ich, bei MOUNTAINMAN-Rennen wird alles relativ locker und human gehandhabt.

Ich freue mich schon seit geraumer Zeit auf den Aufstieg zur Reuterwanne, für mich auch immer ein Höhepunkt. Die 1541 Meter hohe Reuterwanne ist ein schöner Wanderberg ohne alpinistischen Anspruch, nicht übermäßig steil zieht sich unser Pfad über die weiten Wiesen der exponierten Südwestseite zum Gipfel. Oben (km 27) bekommen wir heute eine atemberaubende und wieder ungewöhnlich klare Aussicht geboten, obwohl es wolkig ist und ohne Sonne. Ich muss etwas auf Günter warten und habe so etwas Zeit das Panorama zu genießen. Neben den Oberallgäuer Bergen, sind auch die Gipfel der Tannheimer und Ostallgäuer Bergwelt zu sehen. Der Grüntensee schimmert blau im Tal.

So schön der Aufstieg war, umso heftiger ist der unmittelbare Abstieg vom Gipfelkreuz herunter in nördlicher Richtung. Erst 2 km weiter können wir in Laufschritt verfallen und Tempo aufnehmen, eine Schotterstraße führt uns an die Alpe Untere Reuter Wanne. Hier warten wieder einige Leckereien auf uns. Ich habe gerade einen unbändigen Appetit, was für mich immer ein gutes Zeichen ist.

Unmittelbar nach der Brotzeitpause folgt der letzte kraftraubende Aufgalopp des Kurses. Der Aufstieg ist nur einen Kilometer lang und hat etwa 250 Höhenmeter, die haben es aber in sich. Mit fast durchgehend 25-prozentiger Steigung saugt er einem die Kraft aus den Oberschenkeln. Aber, mir läuft es heute hier richtig gut und ich kann sogar einige meiner Mitstreiter überholen und mich etwas absetzen.

Nur ganz kurz, auf zwei Becher Cola, verweile ich an unserer fünften VP an der Alpe Blösse (32 km), obwohl hier einiges angeboten wird. Ich bin nach pappsatt von der letzten Station und es läuft gerade so gut. Zudem bin ich gerade mit einem reichlichen Adrenalinschub unterwegs. Ein Blick auf meine Uhr verrät mir, dass ich keine unnötige Zeit zu vergeuden habe, sonst wird’s eng mit den 10 Stunden.

Neben der Buron-Skipiste führt ein Pfad im Wald runter bis zum Campingplatz am Grüntensee, nach 34 km erreiche ich das Seeufer und habe damit den Großteil aller Steigungen hinter mir. Dunkle Wolken ziehen hier auf und ein paar Tröpfchen fallen auch vom Himmel. Aber von richtigem Regen bleibe ich verschont. Nach Bayerstetten versorgt normalerweise die VP des Skiklub Nesselwang die Läufer*innen. Heute hat man die Station schon aufgelöst. Für mich kein Problem, meine Getränkeflasche ist noch gefüllt, außerdem habe ich keine Zeit um eine Pause einzulegen. Das Damoklesschwert „10-Stunden“ schwebt über mir. Ich bin höchst motiviert, die Marke nicht zu überschreiten.

Den Ortsrand von Nesselwang erreiche ich nach genau 9:30 Std. Eine halbe Stunde für die restlichen 2,5 km, das müsste jetzt gut machbar sein. Aber ich kenne ja die Strecke und weiß auch, dass noch einige kleinere Steigungen zu bewältigen sind. Etwa auf Höhe des Zielgeländes, aber etwas oberhalb am Berg, bekomme ich ca. anderthalb Kilometer vom Zieleinlauf entfernt Rudi’s Moderation mit, bei der er Vermutungen anstellt, ob ich noch in den regulären 10 Stunden eintreffe: „Mach ran Bernie“, feuert er mich an, ohne dass er mich sieht, noch weiß wo ich mich gerade befinde. Echt witzig, das motiviert mich nochmals zusätzlich, eine Schippe draufzulegen.

Mit ein paar wenigen Minuten Luft zur Schallmauer, treffe ich im Trendsport-Zentrum ein und selbstverständlich bekomme ich nach der Medaillenübergabe auch sofort wieder mein Zielschnapserl noch unter dem Zielbogen kredenzt. Ein Prost auf Rudi, Stephan, Horst, Jutta und das gesamte MOUNTAINMAN-Team. Nach einigen Minuten trifft auch Günter mit einem tollen Freudensprung im Ziel ein. Schee wars wieder, bei echten Freunden.

Auch das Wetter spielte mit, obwohl die Vorhersage nicht so rosig war, bekamen wir fantastisch klare Aussichten geboten und eine Strecke in Top-Zustand, natürlich auf die Vorlieben von Trailrunnern bezogen. Zudem haben die ergiebigen Regenfälle noch bis 18:30 Uhr gewartet, bis nach dem offiziellen Ende des Events. Ein Läufer befand sich da noch auf der Strecke. Aber auch auf ihn wurde gewartet.

 
 
 
Bernie
9:53:12
 
 
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